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veröffentlicht am 13.10.2022

Hilderser Sportverein als Vorreiter: inklusiver Kinder-Leichtathletik-Wettkampf ausgerichtet

Zum ersten Mal im HLV-Kreis Fulda-Hünfeld

Hilderser Sportverein als Vorreiter: inklusiver Kinder-Leichtathletik-Wettkampf ausgerichtet

Die ersten Meter versuchte Joanna ängstlich, ihren Rollstuhl abzubremsen. Doch dann hatte sie sich an das schnelle Tempo gewöhnt, mit dem ihre Mutter Christina Honikel sie während des Biathlons von Wurfstation zu Wurfstation schob. Zum ersten Mal nahm die Fünfjährige trotz ihrer Behinderung aktiv und nicht wie sonst als Zuschauerin an einem Leichtathletik-Wettkampf teil.
 
Der Wettbewerb für die Unter-Achtjährigen, den der TSV Hilders für den Hessischen Leichtathletik-Verband HLV-Kreis Fulda-Hünfeld als Inklusionsveranstaltung ausrichtete, forderte von allen Beteiligten die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. 42 Jungen und Mädchen aus vier Vereinen – dem TV Jahn Neuhof, TV Flieden, TV Petersberg und TSV Hilders – nahmen an dem Experiment teil. Eine Veranstaltung, in der Teams aus Nachwuchssportlern mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam starteten, hat es nach Wissen von Kathrin Henkel-Grenzer, Leiterin der Hilderser Leichtathletik-Abteilung und zugleich Kinderbeauftragte beim HLV, in dieser Form bislang landesweit nicht gegeben.

„Die Idee ist entstanden, weil wir in unserer Leichtathletik-Abteilung drei Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen haben“, so die Übungsleiterin. Auch diese sollten gemeinsam mit den Jungen und Mädchen ihrer Mannschaft am Wettkampf teilnehmen können. 2008 hat die UN-Behindertenrechtskonvention dem Sport die Aufgabe der Inklusion gestellt, aber ein Leitfaden für gemeinsame Kinderwettkämpfe befindet sich seitens des Bundesverbands DLV erst noch in Planung. Daher überlegte die 43-Jährige selbst, wie ein möglichst gerechter Leistungsvergleich aussehen könnte.

Bei Kinder-Leichtathletik-Wettkämpfen werden Teams gebildet, deren Mannschaftswertung sich aus den sechs besten Einzelleistungen je Disziplin zusammensetzt. Um Joannas Gruppe nicht zu benachteiligen, sollte je ein Kind aus jedem Team die Übungen im Rollstuhl absolvieren, unter anderem einen Sprint und einen Weitwurf.

Soweit der Plan, doch dann fand eine Mannschaft für die 30-Meter-Rolli-Strecke keinen Freiwilligen. Während unter leichtem Unmut ein Kandidat ausgelost wurde, zeigten andere Kinder keinerlei Berührungsängste, sondern waren erpicht auf eine Fahrt im Rolli. Dabei stellten sie fest, dass nicht nur Armkraft, sondern auch Geschicklichkeit erforderlich war.

Die Elternteile Sebastian Seidel (Petersberg) und Alexandra Möller (Flieden) äußerten sich angetan von dem Inklusionsangebot. „Die Atmosphäre ist sehr entspannt“, lobte Möller. Dagegen machte eine Mutter, die aufgrund eines Missverständnisses ihren Sohn benachteiligt sah, ihrem Ärger Luft: „Es gibt doch extra Wettkämpfe für behinderte Menschen! An so etwas nehmen wir nicht mehr teil.“ Dies sahen die Trainerinnen und Trainer anders. Ramona Sitzmann trainiert nicht nur die Jüngsten des TV Flieden, sondern ist auch Leichtathletik-Vorsitzende des HLV-Kreises Fulda-Hünfeld. Für sie stehe bis zur Altersklasse U12 nicht der Leistungsgedanke im Vordergrund, sondern es gehe darum, Erfahrungen im Sport zu sammeln. Dazu gehöre auch die Chance, sich in die Lage von Menschen mit Behinderung zu versetzen.

Trainer Alex Kottke vom TV Jahn Neuhof sagte, er würde „jederzeit wieder“ mit seiner Mannschaft an einem inklusiven Wettkampf teilnehmen; Verbesserungsbedarf sehe er nur bei der Umsetzung einzelner Disziplinen. Ulrike Händler vom TV Petersberg hätte es gut gefunden, wenn ihre Mannschaft sich im Vorfeld mit den Rollstühlen hätte vertraut machen können. „Wir haben an Wissen dazugewonnen“, resümiert Organisatorin Henkel-Grenzer.

Ihrer Erfahrung nach lasse sich im Training die Förderung der leistungsstarken Kinder mit der Teilhabe der beeinträchtigten problemlos vereinbaren. „Gerade den Ehrgeizigen und Begabten tut es auch gut, nicht immer im Mittelpunkt zu stehen“, meint sie. Umgekehrt bemüht sich Christine Honikel, Joanna trotz deren Muskelkrankheit nicht „in Watte zu packen“. Daher habe für sie die Teilnahme auch angesichts des nasskalten Wetters nicht infrage gestanden. Zwar als letzte, aber stolz kamen Mutter und Tochter nach 400 Metern ins Ziel und klatschten sich ab. Noch mehr leuchteten Joannas Augen nur, als Trainer Simon Geil ihr wie allen anderen Teilnehmenden bei der Siegerehrung die verdiente Medaille umhängte. Da erhielt das olympische Motto „Dabei sein ist alles“ eine erweiterte Bedeutung.

 
 
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